Grundbildung ist mehr als Lesen und Schreiben!

Stellungnahme zu den Ergebnissen der neuen Leo-Studie

Am 7. Mai 2019 wurde die neue LEO-Studie „LEO 2018 – Leben mit geringer Literalität“ veröffentlicht. Sie ist eine Folgestudie der leo.-Level-One-Studie von 2011, gefördert durch das BMBF und zentraler Baustein der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung 2016-2026. Die Studie hat untersucht, ob und in welcher Weise sich die 2010 erhobenen Zahlen verändert haben. Auch bei LEO 2018 wurden ausschließlich Menschen befragt, die sich mündlich auf Deutsch verständigen können. Darüber hinaus hat die Studie ihre Fragestellung auf mobile, digitale, finanzbezogene, politische und gesundheitsbezogene Praktiken ausgeweitet. Die Zahl der „gering Literalisierten“ liegt nach LEO 2018 bundesweit hochgerechnet bei 6,2 Millionen. Das entspricht 12,1 % der Bevölkerung (Leo 2011: 7,5 Millionen und 14,5%). Im Vergleich zur 1. Leo-Studie 2011 ist die Gesamtzahl „gering Literalisierter“ um 1,3 Millionen bzw. 2,4% gesunken, was vor allem auf eine veränderte Bevölkerungsstruktur zurückzuführen ist.

Die staatlich anerkannten Landesorganisationen der Weiterbildung und der Verband der Volkshochschulen von Rheinland-Pfalz e.V. möchten im Folgenden insbesondere inhaltlich Stellung beziehen, ohne das Studiendesign zu bewerten. Die genannten Organisationen setzen sich schon seit längerer Zeit für die Abwendung von stigmatisierenden und defizitorientierten Begriffen in der Grundbildung ein. Auch das LEO-Forschungsteam hat festgestellt, dass Begriffe wie „funktionale Analphabeten“ nicht angemessen sind, sodass die Studie nun von „gering literalisierten Erwachsenen“ spricht. Da dieser Begriff nach wie vor die Defizitorientierung in der Grundbildung betont, sprechen sich die Vertreter*innen der Weiterbildung in Rheinland-Pfalz gegen diesen Begriff aus und treten dafür ein, von „Menschen mit Grundbildungsbedarf“ oder „Menschen auf dem Weg zur Schrift“ zu sprechen. Schließlich möchte niemand als „funktionaler Analphabet“ oder „gering Literalisierter“ bezeichnet werden. 

Grundbildung ist mehr als Lesen und Schreiben!

Nachdem die erste Leo-Studie von 2011 sich auf die Untersuchung von Lese- und Schreibkompetenzen beschränkt hat, greift LEO 2018 auch mobile, digitale, finanzbezogene, politische und gesundheitsbezogene Praktiken auf. Dadurch wird endlich der Blick auf die Grundbildung gelenkt, d.h. die Lebensbereiche, die für eine selbstbestimmte Bewältigung des Alltags relevant sind. Damit zeigt die Studie, dass klassische Alphabetisierungskurse allein nicht ausreichend sind, um die Vielfalt der Menschen mit Grundbildungsbedarf zu erreichen. Zwar haben sich die Teilnahmezahlen in Alphakursen seit der ersten Studie von 20.000 auf 40.000 Belegungen pro Jahr verdoppelt, spielen aber im Verhältnis zu den 6,2 Millionen Menschen nur eine marginale Rolle (0,7%). Und nicht nur im klassischen Alphakurs werden Grundkompetenzen vermittelt: Schulabschlusskurse (28.000 TN) vermitteln ebenso Grundbildungskompetenzen wie BAMF-Alphabetisierungs- und Integrationskurse (260.000 TN).

Die Höhe des Schulabschlusses weist einen starken Zusammenhang mit der Lese- und Schreibkompetenz auf. Während von allen Befragten der LEO Studie 12 Prozent geringe Lese- und Schreibkompetenzen haben, ist dieser Anteil unter Personen mit einem niedrigen Schulabschluss mit 21,5 Prozent deutlich höher. Von Personen, die keinen Schulabschluss erreicht haben, ist mit 54,5 Prozent mehr als jede*r Zweite betroffen. Das bedeutet, dass mehr Schulabschlusskurse nötig sind, weil auch diese zu verbesserten Lese- und Schreibkompetenzen führen und die Chancen auf gesellschaftliche und berufliche Teilhabe verbessern. Investitionen in Kurse zum Nachholen von Schulabschlüssen sind daher gesellschaftlich gut angelegtes Geld!

Die Grundbildungsaktivitäten der vergangenen Jahre, wie beispielsweise der Aufbau von Netzwerkstrukturen, Sensibilisierung für das Thema, Beratung und Öffentlichkeitsarbeit, haben zu einer wichtigen Infrastruktur geführt, um Menschen mit Grundbildungsbedarf zu erreichen. Diese Infrastruktur muss dauerhaft und verlässlich vorgehalten und ausgeweitet werden, damit Grundbildungsangebote auch entsprechend genutzt werden können. Gleichzeitig muss das Lernangebot vielfältiger, flexibler und von qualifizierten Lehrkräften geleitet werden, damit Menschen in allen Lebensphasen die Gelegenheit haben, ihre Kompetenzen zu erweitern.

Differenzierter Blick auf Personen anderer Herkunftssprachen erforderlich!

Der Anteil von Personen mit anderen Herkunftssprachen ist zwar auf 47 % angestiegen, noch immer stellen die Personen mit Herkunftssprache Deutsch aber mit 53 % die Mehrheit. Neu im Vergleich zur ersten Studie ist, dass Menschen nach ihren Kompetenzen in der Herkunftssprache befragt wurden. So gaben 78% der in der deutschen Sprache „gering Literalisierten“ an, in ihrer Herkunftssprache anspruchsvolle Texte lesen und schreiben zu können, was einen differenzierteren Blick auf diese Personengruppe erfordert!

Fazit:

Die staatlich anerkannten Landesorganisationen der Weiterbildung und der Verband der Volkshochschulen von Rheinland-Pfalz e.V. fordern eine Abkehr vom bisherigen Verständnis von Alphabetisierung im Sinne von Lesen und Schreiben lernen und treten für eine Grundbildung ein, die auf soziale, demokratische, teilhabende, selbstkritische und kritisch handlungsorientierte Dimensionen des Lebens fokussiert. Daher müssen die Angebote endlich thematisch erweitert und auch neue Lernformate gefördert werden, um adäquate und verlässliche Grundbildungsangebote für alle Menschen zu schaffen! Für eine erfolgreiche Grundbildungsarbeit sind in Zukunft deutlich mehr Investitionen und dauerhaft verlässliche Mittel in der (Weiter-)Bildungspolitik nötig!